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Musiker Christoph Sakwerda
Musiker Christoph Sakwerda© Hartmut Bösener

Das Leben als Sinuskurve

Veröffentlicht am Dienstag, 29. Oktober 2019

Sein Gesicht war im vergangenen Jahr immer wieder im Dessauer Stadtgebiet zu sehen: Christoph Sakwerda war 2018 einer der Botschafter der Fotoaktion „Dessau-Roßlau am Drücker“, mit der die Doppelstadt aus Sicht ihrer Einwohner gezeigt werden sollte. Jetzt ist der 20-Jährige jedoch auf dem besten Weg, weit über die Stadtgrenzen hinaus mit seinem eigentlichen Talent bekannt zu werden – mit seiner Stimme. Bereits seit frühester Kindheit macht Sakwerda Musik, war auf Youtube schon mit verschiedenen Cover-Versionen zu erleben, unterstützte andere Künstler mit seinem Gesang und unternahm erste eigene musikalische Gehversuche. Am 18. Oktober erschien nun seine erste offizielle Single „Geradeaus“. Im LEO-Gespräch verrät der sympathische Newcomer, was es mit dem Titel auf sich hat, wie es weitergehen soll und welche Rolle seine Heimatstadt in seinem Leben spielt.

Wie ist „Geradeaus“ entstanden und was willst Du mit dem Song aussagen?

Christoph sakwerda: „Geradeaus“ stellt für mich den Anfang meiner Lebensgeschichte dar. Für mich ist es immer unheimlich wichtig, mit meiner Musik eine Geschichte zu erzählen bzw. die Leute mit auf eine Reise zu nehmen. Es bedeutet mir sehr viel, dass ich in der Musik meine Gefühle verarbeiten kann. Der Song thematisiert, dass das Leben eine Sinuskurve ist. Dass es immer bergauf und bergab geht. Dass es im Leben nie immer geradeaus gehen wird. Aber dass, solange man den Glauben an sich selbst nicht verliert, sich treu bleibt und an dem festhält, was man sich vornimmt, am Ende alle Pläne aufgehen. Auch ich hatte einige Phasen, in denen ich überlegt habe, ob ich alles hinwerfe oder es weiter durchziehe. Es war auch nicht immer einfach, das muss ich offen und ehrlich sagen. Deswegen liegt mir „Geradeaus“ unheimlich am Herzen, weil ich diese Geschichte mit den Leuten teilen kann und ihnen vielleicht auch Mut und Hoffnung geben kann, dass nach jedem Tief ein Hoch kommt und das alles gut wird.

Du singst, wie man ja schon am Titel erkennt, in deutscher Sprache. Hat das auch etwas mit „Geradeaus“ zu tun – also mit dem Verstandenwerden durch Deine Hörer? Und welche musikalischen Vorbilder hast Du?

Christoph sakwerda: Natürlich macht man sich im Vorfeld Gedanken, ob man weiter auf Deutsch singt. Aber ich will mit der Musik wie gesagt meine Gefühle ausdrücken und ich denke, dass ich das auf Englisch nicht so gut könnte. Und sicherlich können die Hörer dadurch auch besser interpretieren, was ich sagen möchte. Mir ist es besonders bei „Geradeaus“ sehr wichtig, dass die Botschaft verstanden wird – und das ist so sehr viel einfacher. Darüber hinaus ist es natürlich auch sehr schwer, sich als Nichtmuttersprachler im englischsprachigen Raum zu etablieren. Darum habe ich mich sehr früh dazu entschieden, dass ich bei Deutsch bleiben werde und das ziehe ich auch durch.

Ich habe eine ganze Handvoll Vorbilder. Natürlich auch international. Justin Bieber zum Beispiel, der mich durch seine Geschichte unheimlich inspiriert hat. Wie er aufgewachsen ist, wie er seine Videos auf Youtube geteilt hat. Im deutschsprachigen Raum muss ich ganz klar Cro zu meinen Vorbildern zählen. Er fasziniert mich immer noch unglaublich. Ich habe, glaube ich, von keinem anderen Künstler so viele Songs gecovert wie von ihm.

Hast Du „Geradeaus“ selbst geschrieben und komponiert?

Christoph Sakwerda: Die Grundidee ist in einer kleinen Songwriting-Session mit meinem guten Freund Neo entstanden, dem ehemaligen Frontmann von „Down Below“, der auch aus Dessau kommt. Dann war ich in einem Songwriter-Camp mit einem Produzenten und Songwriter von „Warner Music“, das war eine echt dicke Nummer. Dort habe ich das textliche Grundgerüst, das ich mit Neo ausgearbeitet hatte, vorgestellt. Es war auch noch eine Songwriterin mit dabei, die Ideen mit eingebracht hat und mit der ich den Song quasi gemeinsam fertiggestellt habe. Ein Produzent hat sich um die Ausarbeitung des Instrumentals gekümmert.

Der Song ist also in meinem Kopf entstanden, wurde mit Neo zu Papier gebracht, mit der Songwriterin finalisiert und gemeinsam mit dem Produzenten zum finalen Titel „Geradeaus“. Es haben also viele mitgewirkt. Und es ist für mich natürlich auch eine unglaubliche Ehre, mit solchen Leuten zusammenarbeiten zu dürfen. Ich denke, man hört es dem Song auch an. Ich will mich nicht profilieren, aber es ist, objektiv betrachtet, ein gutes Endprodukt, das viele Menschen ansprechen kann, sowohl vom Sound als auch inhaltlich.

„Geradeaus“ ist auch mit einem neuen Plattenvertrag mit dem Indie-Label „Soulfood“ verbunden. Dein Management ist sich sicher, dass Du nun mit Deinen Songs „die Welt erobern“ wirst. Welche Ziele hast Du Dir tatsächlich gesetzt?

Christoph Sakwerda: (lacht) Mir liegt es einfach am Herzen, das, was ich sagen möchte, mit anderen Menschen zu teilen. Und ihnen vielleicht sogar zu helfen, wenn sie sich in einer ähnlichen Situation befinden und manchmal alles hinwerfen wollen, nie den Glauben an sich selbst zu verlieren. Ich würde gern Andere motivieren, Leute mit meiner Musik glücklich machen, ihnen ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Ich möchte einfach irgendwie dazu beitragen, dass diese schreckliche Welt, wie sie nun einmal ist, trotzdem noch einen Funken Hoffnung und Gutes in sich trägt. Ich sehe meine Aufgabe darin, durch das, was mir in die Wiege gelegt wurde, die Leute zu erreichen – und das ist bei mir eben die Musik.

Ich habe mir selbst aber auch als Ziel gesetzt, gute Werte zu vermitteln. Wenn man sich mal die gegenwärtigen Charts ansieht und das, was dort in den Songs kommuniziert wird, sind das nicht wirklich Werte, mit denen ich mich identifizieren kann. Wenn es zum Beispiel in Rap-Texten nur noch um Drogen, Marken und Statussymbole geht. Ich will den Leuten sagen, dass sie so sein sollen, wie sie sind. Das ist auch bei mir selbst so. Deswegen habe ich auch entschieden, Christoph Sakwerda zu bleiben und nicht mit einem Künstlernamen zu arbeiten. Ich finde es wichtig, dass man authentisch und echt ist. Das möchte ich den Leuten mit auf den Weg geben und hoffe, dass sie das auch auf sich übertragen können.

Letztendlich ist es für Dich aber natürlich auch ein Berufsziel. Was strebst Du da an?

Christoph Sakwerda: Natürlich träumt man davon, irgendwann die erste eigene Tour zu machen. Man hat schon mal solche Träume, vielleicht einmal eine Goldene Schallplatte oder eine Nummer-1-Single zu haben. (lacht) Keine Ahnung, ich habe mir darüber noch nicht so intensiv Gedanken gemacht. Ich lebe im Hier und Jetzt und meine jetzige Aufgabe ist erst einmal, meine Musik mit den Leuten zu teilen. Alles, was danach noch entsteht, überlasse ich dem Schicksal. Ich kann nur mein Bestes geben und gute Musik machen. Und hoffen, dass sich dadurch etwas cooles entwickelt.

Wenn man Dich persönlich erlebt, bist Du sehr freundlich und zurückhaltend, wirkst also nicht wie die „Rampensau“, die unbedingt das Scheinwerferlicht braucht. Was bedeutet es Dir, auf der Bühne zu stehen?

Christoph Sakwerda: Privat bin ich ein sehr sensibler und auch ziemlich schüchterner Mensch. Wenn man mich länger kennt, merkt man, dass ich auch ganz gut aus mir herauskommen kann. Auf der Bühne zu stehen bedeutet für mich aber in erster Linie, mein größtes Geschenk, meine größte Leidenschaft, mit den Leuten teilen zu können. Dass ich die Person bin – das kann jetzt sicherlich falsch interpretiert werden, ist aber nicht arrogant gemeint –, die irgendwie im Mittelpunkt steht. Ich habe die Aufmerksamkeit der Leute und ich habe die Ehre, das, was mich beschäftigt, mit ihnen zu teilen. Es ist für mich ein unfassbares Gefühl, meine inneren Emotionen zu den Menschen zu bringen. Das bedeutet es für mich, auf der Bühne zu stehen. Ich möchte auch schöne Momente schaffen. Ich bin dafür verantwortlich, dass die Leute sich gern an den Abend zurückerinnern und vielleicht auch über meine Lieder nachdenken.

Du hast schon mit 5 Jahren angefangen, Geige zu lernen. Wann hast Du entdeckt, dass die Stimme eigentlich Dein Lieblingsinstrument ist?

Christoph Sakwerda: Ich habe schon immer zu Hause für mich gesungen. Wirklich immer, rund um die Uhr. Meine Mutter hat das irgendwann auch genervt. (lacht) Ist ja auch klar, wenn sie schlafen oder Mittagsruhe machen wollen und dieser kleine Junge die ganze Zeit rumsingt. Eines Tages hat meine Mum dann eine Zeitungsannonce gesehen, dass das Anhaltische Theater Knabenstimmen für eine Inszenierung der „Zauberflöte“ sucht. Und da hat sie mich gefragt, ob ich nicht Lust darauf hätte, meinen Gesang auch mal mit anderen Leuten zu teilen und zum Vorsingen zu gehen. Ich wurde dort auch für gut befunden. Dann kam allerdings ein neuer Theaterintendant, der das Stück leider nicht ins Programm aufgenommen hat.

Aber ich hatte Lust bekommen, weiter zu singen. Ich bin dann unserem Schulchor beigetreten und habe dort ein paar Jahre gesungen. Dann kam meine Musiklehrerin auf mich zu und meinte, dass sie eine Schülerband gründen wolle, sie meine Stimme toll finde und mich gern als Sänger hätte. Für mich als 13- oder 14-Jähriger war es natürlich krass, plötzlich Sänger einer Band zu sein. Mit dem Abi bzw. der Ausbildung haben sich die Wege dann jedoch getrennt, viele sind nicht in Dessau geblieben, die Band hat sich aufgelöst. Ich habe aber den Drang in mir verspürt, weiter Musik machen zu wollen. Ich hatte schon länger damit angefangen, selbst Texte zu schreiben und meine Gefühle zu Papier zu bringen. Glücklicherweise habe ich dann in Dessau Leute kennengelernt, die mich musikalisch an die Hand genommen und mit mir eigene Songs produziert haben – wofür ich unglaublich dankbar bin. Denn dadurch konnte ich die ersten Schritte zur Realisation meiner Musik machen. Dann habe ich durch Neo, mit dem ich gemeinsam Musik gemacht habe und der mich auch heute noch begleitet, wofür ich ebenfalls sehr dankbar bin, meinen jetzigen Manager kennengelernt. So hat sich das nach und nach entwickelt, es kam irgendwie immer ein neuer Stein zum Gebäude hinzu. Und nun stehe ich da, wo ich jetzt bin. Kann meine erste Single mit den Leute teilen, habe meinen ersten Plattenvertrag mit einem großen Label aus Hamburg, besuche Radiosender für Interviews, darf als Vor-Act von „Gestört aber GeiL“ vor mehreren tausend Menschen auftreten – das ist schon heftig. (lacht) Mal gucken, wo die Reise noch hinführt, ich bin gespannt. Aber es war bisher schon ein langer Werdegang und ich habe nie aufgehört, das zu machen, was ich liebe.

Du bist seit Mitte Oktober auch das Gesicht der Anti-Drogen-Kampagne „Leben ohne Stoff“ des neu gegründeten Netzwerkes für Suchtprävention Dessau-Roßlau. Wie kam es dazu und warum ist Dir dieser Einsatz wichtig?

Christoph Sakwerda: Das fing mit einem Auftritt im Dessauer Kinderheim an. Ein Erzieher hatte mich angesprochen, ob ich nicht Lust hätte, für die Kids ein bisschen Musik zu machen. Und da es mir eben sehr am Herzen liegt, meine Leidenschaft zu teilen und auch Menschen, denen es vielleicht nicht so gut geht wie mir oder vielen anderen, positive Gefühle zu vermitteln, habe ich sofort Ja gesagt. Das war auch richtig cool und die Kids haben sich riesig gefreut. Zufällig waren auch Dessau-Roßlaus Sozialdezernent Jens Krause und seine Referentin anwesend, die nach dem Auftritt auf mich zukamen. Sie haben mir von der geplanten Kampagne erzählt, gesagt, dass sie von meinem Auftritt begeistert waren und der Meinung seien, dass ich genau der Richtige sei, um sie nach außen zu tragen. Weil ich Jugendliche erreichen, eine Alternative zum Drogenkonsum aufzeigen und positive Werte vermitteln würde. Ich habe keine Sekunde gezögert, weil ich mich für gute Sachen immer gern einsetze. Ich habe mir auch selbst als Aufgabe gesetzt, es positiv zu nutzen, dass ich in der Öffentlichkeit stehe. Die Kampagne ist am 17. Oktober gestartet, „Geradeaus“ ist ihr Titelsong und ich bin so etwas wie ihr Botschafter. Ich will einfach Betroffenen helfen, Alternativen zum Konsum aufzeigen, ob nun mit Musik oder zum Beispiel im Sport. Es gibt so viele Möglichkeiten, aber es ist nie eine gute Option, zu Drogen zu greifen bzw. darin die Lösung seiner Probleme zu sehen.

Hast Du selbst in Deinem Umfeld Erfahrung mit Drogen und ihren Folgen gemacht?

Christoph Sakwerda: Ich selbst habe mich von so etwas immer distanziert. Wer mich persönlich kennt, weiß, dass ich weder rauche noch Alkohol trinke noch irgendwelche anderen Substanzen zu mir nehme. Natürlich kann man im Freundes- und Bekanntenkreis beobachten, dass da auf Partys immer mal was konsumiert wird. Ich distanziere mich von diesem Konsum, aber nicht von meinen Freunden. Jeder ist für sein Leben selbst verantwortlich. Für mich zählen andere Aspekte, vor allem in charakterlicher Hinsicht. Aber man beobachtet natürlich, was da so passiert. Ich brauche es nicht, ich habe auch immer Nein gesagt. Und ich bin auch dankbar, dass mein Freundeskreis das akzeptiert. Es gibt ja auch andere Beispiele, wo man nicht cool ist, wenn man nicht mittrinkt. Wo also der Gruppenzwang stark ins Spiel kommt. Aber es ist auch keine Neuigkeit, dass legale und illegale Drogen gerade bei Jugendlichen auf Interesse stoßen und Anklang finden.

Während viele junge Menschen die Stadt oft hinter sich lassen, machst Du Dich mit diesem Projekt oder auch der Fotoaktion im letzten Jahr bewusst für sie stark. Woran liegt das?

Christoph Sakwerda: Mir ist es unglaublich wichtig, etwas für meine Heimatstadt zu tun. Und auch wenn es oft sehr salopp dahingesagt wird, bedeutet es mir sehr viel, nie zu vergessen, wo ich herkomme. Für mich ist Dessau wirklich meine Heimat. Ich habe hier meine Freunde, ich habe hier meine Familie. Und ich finde persönlich, dass in dieser Stadt sehr, sehr viel Potenzial schlummert. Das erkennen viele nicht so, denen die Stadt nicht gefällt und die sie dann verlassen. Aber ich halte an dieser Stadt fest, ich halte an meiner Heimat fest. Und ich denke, dass man, wenn man dieses schlummernde Potenzial ausschöpft, echt was Großes aus Dessau machen kann. Deswegen ist es mir natürlich auch wichtig, dass ich die Kraft, die mir als Künstler zur Verfügung steht, auch in etwas investiere, das der Stadt und ihrer Jugend zu Gute kommt. Auch, um Dessau attraktiver für junge Menschen zu machen. Wenn mir dann solche Möglichkeiten wie diese Kampagnen geboten werden, sage ich daher eigentlich immer Ja und nehme es sehr dankend an. Ich bin wirklich dankbar für diese Möglichkeit, mich für meine Heimatstadt zu engagieren. Denn ohne sie wäre ich nicht der, der ich bin. Deshalb ist es auch so wichtig, nicht zu vergessen, wo man herkommt und trotzdem das Beste herauszuholen.

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