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Benjamin Kurc
Benjamin Kurc© Institut français Sachsen-Anhalt

Frankreich, Deutschland und das Kino

Veröffentlicht am Mittwoch, 28. Mrz 2018

Vom 19. bis 25. April wird zur fünften Auflage der Französischen Filmwoche in Sachsen-Anhalt eingeladen. Die Veranstaltungsreihe, an der sich auch das Kiez-Kino Dessau seit ihrer Erstausgabe beteiligt, wird in Kooperation mit dem Institut français ausgerichtet. Seit Anfang März ist Benjamin Kurc der neue Beauftrage für deutsch-französische Angelegenheiten in Sachsen-Anhalt und damit auch Leiter des Institut français. Der 30-Jährige wurde in Nancy geboren und studierte Philosophie und Geschichte in Berlin, Madrid und Warschau. Im Gespräch mit LEO wirft er einen Blick auf die Filmwoche, das deutsch-französische Verhältnis und auf die Ziele, die er mit seiner neuen Aufgabe verbindet.

Welche Bedeutung hat die Französische Filmwoche als Teil der zahlreichen deutsch-französischen Aktivitäten von der „Fête de la musique“ bis zur „Cinéfête“?

Benjamin Kurc: Die Französische Filmwoche eröffnet eine spannende Saison zahlreicher deutsch-französischer Aktivitäten, von der „Fête de la musique“ und der „FRANKO.FOLIE!“ (21.06.-14.07.) bis zum „Rendez-vous im Garten“. Die 5. Auflage dieser Französischen Filmwoche zeigt das Interesse des sachsen-anhaltischen Publikums der französischen Filmbranche und Kultur gegenüber. Sie ist auch ein sichtbares Zeichen der fruchtbaren Kooperationen, die das Institut français mit seinen lokalen Partnern unterhält und die zum Erfolg dieses Festivals beitragen.

Einen besonderen Schwerpunkt wird in diesem Jahr der 50. Jahrestag des „Pariser Mai“ von 1968 bilden. Welchen Einfluss hatte die 68er-Bewegung auf die Entwicklung des heutigen Frankreich und welche Rolle spielte dabei auch die Kultur und insbesondere der Film?

Benjamin Kurc: „Mai 68“, wie das Ereignis in Frankreich genannt wird, hat einen besonderen Stellenwert in der französischen Erinnerungskultur. Bis vor kurzem wurde das politische Erbe des Mai 68 heiß diskutiert.

Die Mai-Bewegung war eine Infragestellung der bestehenden Machtverhältnisse. Es wurde gegen die Politik der Väter rebelliert. Vor allem geriet die Figur des alten General de Gaulle, französischer Präsident und ehemaliger Chef des „Freien Frankreichs“ (France Libre) während des Krieges, in Kritik. In den Universitäten und in Gymnasien setzte sich die junge Nachkriegsgeneration für mehr Beteiligung ein. Ein Hauch von Revolution wehte durch die Straßen von Paris und verbreitete sich rasch im ganzen Land. Der Wunsch nach Freiheit und sozialer Gerechtigkeit war gewaltig.

Die Kultur diente dabei als Ausdrucksmittel und Kritik der Konsumgesellschaft. Die Filmkunst war in diesem Sinne auch ein Schauplatz dieses Kulturkampfes. Man kann sagen, dass Filme eine historische Rolle in den Ereignissen von Mai 68 gespielt haben. Die jungen Menschen, die auf die Straße gingen, sind mit den Filmen der Nouvelle vague aufgewachsen. Filme wie „Les 400 Coups“ und „La Chinoise“ prägten die Vorstellungen und Utopien der Demonstranten.

Vor allem französische Komödien wie „Willkommen bei den Sch'tis“ oder „Ziemlich beste Freunde“ werden auch in Deutschland regelmäßig zu Kinohits. Gerade im Osten Deutschlands sind mehrere Generationen mit den Filmen des legendären Louis de Funès aufgewachsen. Sind sich die oft als humorlos gescholtenen Deutschen und die Franzosen gerade in Sachen Humor näher als man denkt?

Benjamin Kurc: Louis de Funès war ein großartiger französischer Schauspieler, der imstande war, ohne viel Sprache, sondern mit bloßen Geräuschen, starke Gefühle auszudrücken. Seine humorvollen Mimiken brachten die Menschen einfach zum Lachen! Und diese Sprache ist universell. Vielleicht unterscheidet sich doch der Humor der Deutschen und der Franzosen gar nicht so sehr voneinander. Der Humor von Louis de Funès schaffte es, die politischen Spannungen eines gespaltenen Europas zu überwinden.

„Willkommen bei den Sch'tis“ handelt von territorialen und regionalen Unterschieden, die sich sehr gut auch auf die deutschen Verhältnisse übertragen lassen. Die Unterschiede zwischen den Dialekten und den regionalen Bräuchen sind in Deutschland ausgeprägter als in Frankreich, die regionale Kultur identitätsstiftender.

Jenseits der großen Kassenhits geben vor allem Programmkinos Einblicke in das facettenreiche Filmschaffen Frankreichs. Wie wichtig sind die kleinen Kinos abseits des Mainstream aus Ihrer Sicht?

Benjamin Kurc: Die kleinen Programmkinos sind überaus wichtig für das kulturelle Leben eines Landes, einer Stadt, eines Dorfes. Wenn Kultur und Kunst nur auf wirtschaftliche Erfolge zu reduzieren wären, bekämen wir nur ein einseitiges Angebot und verlören dabei den kulturellen Reichtum, den solche Filme darstellen. Deshalb ist die Arbeit solcher Programmkinos sehr wichtig und unterstützenswert.

Sie sind seit März neuer Leiter des Instituts français Sachsen-Anhalt. Welche Ziele haben Sie sich gesetzt und was sind die Aufgaben des Instituts jenseits der jährlichen Veranstaltungsreihen?

Benjamin Kurc: Ich habe mir zuerst als Ziel gesetzt, die hervorragende Arbeit meiner Vorgänger fortzusetzen! Und die Kontakte zu unseren zahlreichen Partnern in Sachsen-Anhalt zu pflegen und weiterzuentwickeln. Wir erfreuen uns der großen Unterstützung der Staatskanzlei und Ministerium für Kultur des Landes Sachsen-Anhalt, des Weiteren können wir uns auf ein breites Netzwerk von lokalen Projektpartnern stützen.

Zur Eröffnung der Französischen Filmwoche Sachsen-Anhalt am 18. April werden wir z.B. auch eine Plakatausstellung zu Mai 68 eröffnen und eine Reihe von Podiumsdiskussionen mit der Landeszentrale für politische Bildung veranstalten. Im Sommer stoßen wir unter dem Motto „Rendez-vous im Garten“ eine jetzt schon auf mehrere Jahre ausgelegte Zusammenarbeit mit den historischen Parks in Sachsen-Anhalt an. Hier wird in einer engen deutsch-französischen Kooperation auf Landes- und Bundesebene der kulturelle Austausch gefördert. In diesem Rahmen sollen unter anderem schon in diesem Sommer Veranstaltungen aus Frankreich in den Wörlitzer Anlagen zu Gast sein.

Als Franzose, der unter anderem in Deutschland und Polen gelebt hat: Was könnten wir Deutschen uns von unseren Nachbarn abgucken – und umgekehrt?

Benjamin Kurc: Der ständige kulturelle Austausch zwischen diesen Ländern hat mich sehr geprägt und bereichert. Ich nehme seitdem die Welt und meine eigene Kultur anders wahr. Das Erlernen der deutschen Sprache hat mir zum Beispiel dabei geholfen, die Besonderheit meiner Muttersprache besser zu erfassen. Die polnische Kultur scheint mir wie eine Brücke zwischen Deutschland und Frankreich und hat mir ein Fenster auf unsere östlichen Nachbarn geöffnet. Eine Reise ins Ausland ist oft zugleich eine Reise ins Inland. Ich kann es nur empfehlen.

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