Ich mache sehr gern lustige Sachen
Veröffentlicht am Dienstag, 28. August 2018
Die Uraufführungen der Ballettabende „Carmen Suite/Der Dreispitz“ und „Junge Choreographen II“, das Weihnachtsmärchen „Rumpelstilzchen“ in einer eigens geschriebenen Fassung, Chaplin-Klassiker mit Live-Begleitung – an besonderen Premieren mangelt es dem Anhaltischen Theater Dessau auch in seiner 224. Spielzeit nicht gerade. Offiziell startet das Mehrsparten-haus am ersten Septemberwochenende in die neue Saison. Nur wenige Wochen später wird mit „King Arthur“ die erste große Premiere gefeiert. Und auch die weitere Spielzeit verspricht Abwechslung, Unterhaltung und aufwändige Inszenierungen, wie Generalintendant Johannes Weigand im LEO-Gespräch neugierig macht.
Herr Weigand, wie blicken Sie auf die vergangene Spielzeit zurück?
Johannes Weigand: Sehr dankbar. Wenn man auf die ersten drei Jahre meiner Intendanz schaut, sind wir in dem, was wir produzieren, ziemlich stabil. Es ist bekannt, dass die Situation sehr schwierig ist. Im letzten Jahr wurde das in personeller Hinsicht auch durch einige krankheitsbedingte Ausfälle offensichtlich. Aber im Grunde weiß das Theater ziemlich genau, was es leisten kann. Und das wird auch vom Publikum gut angenommen.
Aktuell werden die neuen Theaterverträge mit Stadt und Land ausgehandelt. War das auch der Anlass, die Finanzierung im Grußwort des Spielzeitheftes zu thematisieren?
Johannes Weigand: Nicht nur. Es hat auch damit zu tun, dass die Zahlen immer wieder sehr schwer zu erklären sind. Zum Beispiel, warum ein Theater, das im Jahr Millionen an Zuschüssen benötigt, in seiner Existenz gefährdet sein soll. Oder warum es ein Problem sein kann, wenn das Leben teurer wird, aber nicht mehr Geld reinkommt. Und das zu konkretisieren, hat sich gezeigt, ist immer wieder sehr nötig. Damit es präsent bleibt, wollten wir es daher auch im Spielzeitheft aufgreifen. Für den normalen Menschen ist so ein Theater einfach eine sehr komplizierte Sache. Aber da arbeiten eben nicht nur die Künstler auf der Bühne, sondern über 50 verschiedene Berufsbilder, die alle mal ausgebildet wurden und für ihre Arbeit natürlich auch bezahlt werden müssen.
Dass Kultur eher ein Zuschuss- als ein Gewinngeschäft ist, sollte doch aber bekannt sein?
Johannes Weigand: Das stimmt meiner Meinung nach aber gar nicht! Unterm Strich ist es ein Gewinngeschäft, davon bin ich fest überzeugt. Was wäre eine Stadt wie Dessau-Roßlau mit über 80.000 Einwohnern ohne ein Theater? Ich vergleiche das für mich immer mit nordrhein-westfälischen Städten mit ähnlicher Einwohnerzahl, aber ohne eigene Bühne. Viersen zum Beispiel. Da gab es nie ein Theater. Haben Sie von Viersen schon einmal gehört?
Dieses stattliche Theater ist für Dessau-Roßlau ein großes Glück von unermesslichem immateriellen Wert. Wir sind ja immaterielles Kulturerbe – was auch immer so klingt, als würden wir nichts kosten. (lacht) Ein Theater nicht zu haben, ist ganz sicher auch ein finanzieller Verlust. Vom kulturellen und Bildungsverlust einmal ganz abgesehen.
Die erste Premiere der Spielzeit im Großen Haus ist am 21. September die Semi-Oper „King Arthur“, die Ende des 17. Jahrhunderts entstand. Was erwartet die Besucher?
Johannes Weigand: Semi-Oper klingt nach einer halben Oper, aber eigentlich ist es sogar das Doppelte. Also eine Doppel-Oper. Nein. (lacht) Es ist eine sehr spannende und abenteuerliche Geschichte aus dem Artus-Sagenkreis. Dabei tragen die Schauspieler die eigentliche Handlung und alles Übernatürliche, das in so einer Sagenhandlung vorkommt, ist dem musikalischen Bereich zugeordnet, sowohl Tänzern und Gesangssolisten als auch dem Chor. Das ist ein Stück, das nur in einem Mehrspartenhaus aufführbar ist, weil es eines der wenigen Genres ist, in dem die Sparten alle aufeinandertreffen. Und Komponist Purcell hat einfach wahnsinnig gute Musik gemacht, die zum Beispiel mit „The Cold Song“ auch schon zum Pop-Hit wurde.
Sie selbst widmen sich mit ihrem Team unter anderem der Operette „Im weissen Rößl“. Was reizt Sie daran?
Johannes Weigand: Zuerst einmal ist es eine große Revue-Operette, die nur ein halbes Jahr nach der „Dreigroschenoper“ entstanden ist. Obwohl „Im weissen Rößl“ eigentlich ein ganz großes Stück ist, kann es gleichzeitig in jeder Form gespielt werden, weil es ein genialer Schwank ist, der auch mit einer Handvoll Schauspieler und einer kleinen Band funktioniert. Das wäre in unserem Haus aber natürlich ein wenig albern. (lacht)
Ich liebe die Operetten aus dieser Epoche ganz besonders, weil sie eine spezielle Ironie haben. Und auch, weil ich dabei immer an das Dessau zwischen 1925 und 1932 denken muss. Das „weisse Rößl“ ist ziemlich genial, weil heutige Phänomene der Moderne bereits großartig thematisiert werden. Massentourismus zum Beispiel ist eigentlich kein Begriff aus den Zwanziger Jahren, aber er wird schon karikiert. Ich kann mir sicherlich nicht verkneifen, in meine Inszenierung Selfie-Stangen einzubauen. (lacht) Ich war im Urlaub eine Woche am Mittelmeer und kann es einfach nicht fassen, dass die Leute wirklich nicht mehr gucken, was es dort zu sehen gibt, sondern nur noch Fotos machen. Vielleicht bin ich ja naiv, aber ich hab nicht ein einziges Foto gemacht, sondern die Gegend genossen.
In dieser Hinsicht ist „Im weissen Rößl“ also ein ziemlich modernes Stück mit einer wunderbaren städtischen Schwankhandlung und einer großartigen Behandlung der alpinen Klischees, die eben auch ein Stück Wahrheit in sich tragen. Ich kannte das Stück vorher gar nicht so gut und erarbeite es mir gerade. Und das macht sehr viel Spaß.
Man hat beim Stichwort „weisses Rößl“ oft die Verfilmungen der 50er und 60er Jahre vor Augen. Befürchten Sie, dass das eher abschreckend wirken könnte?
Johannes Weigand: Nein, überhaupt nicht. Das ist nicht zu vergleichen und das wird man auch hören. Dazu muss unsere Kapelle hier einfach nur losspielen. (lacht) Unsere Orchestermusiker übernehmen auch Saxophon und Co., und die haben diesen 20er-Jahre-Sound nun wirklich sehr gut drauf. Es wird aber auch gejodelt. (lacht) Unsere Hauptdarstellerin der Rößlwirtin kommt aus Bayern und kann das ziemlich gut.
Als inszenierender Intendant konzentriere ich mich oft auf solche Unterhaltungsproduktionen. Einerseits, weil ich da meist alle Sparten zusammen habe – und das ist für mich als Chef von allen natürlich ganz gut. Zum Zweiten mache ich einfach sehr gern lustige Sachen. (lacht) Und drittens ist es auch so, dass gerade bei den Unterhaltungsproduktionen nichts schief gehen darf. Jedes Stück hat ja seinen ganz bestimmten Platz im Spielplan, man überlegt sich ganz genau, warum man was wie spielt. Da ist klar, dass ein „weisses Rößl“ gut laufen muss. Und bisher hatten mein Team und ich zu den Zuschauern einen ganz guten Draht.
Man muss also immer abwägen, wieviel Unterhaltung man macht, um sich Freiräume für andere Inszenierungen zu schaffen?
Johannes Weigand: Natürlich, ich habe ja ein Einspielsoll. Das ist nicht einfach nur Kunst, sondern auch eine relativ kühle Rechnung. Wir haben im Schnitt vier Musikproduktionen im Jahr und eine davon ist eine Operette oder ein Musical. Es ist nicht immer so, dass wir auf sichere Publikumserfolge setzen. Aber eine eher unbekannte Produktion kann man eben nur spielen, wenn man noch eine populäre laufen hat, die ein großer Hit ist. Dahinter stecken also immer auch sehr genaue Überlegungen.
Was haben Schauspieldirektorin Almut Fischer und Sie sich diesmal für das Alte Theater überlegt?
Johannes Weigand: Im Alten Theater ist es so, und das ist erstaunlich für eine kleine Studiobühne, dass die Aufführungen vor allem durch die Schulen sehr lange nachgefragt werden. Deshalb kommen wir dort mit Premieren gar nicht so gut rein. Außerdem sind wir mit dem Schauspiel diesmal im Großen Haus neben „King Arthur“ und dem Weihnachtsmärchen auch noch mit dem „Zerbrochnen Krug“ beschäftigt. Jetzt im Herbst konzentrieren wir uns darum vor allem auf die Stücke, die wir für die Schulen spielen, wie zum Beispiel den „Nathan“ oder „Gas“.
Ansonsten hat sich die zeitgenössische Theatermischung, die Almut dort eingebracht hat, als richtig erwiesen und wird auch fortgesetzt. Sowohl in Form einer gehobenen gesellschaftlichen Komödie mit „Das Abschiedsdinner“, als auch als stark diskutierte Gegenwartsproduktion mit von Schirachs „Terror“. Und auch das ist schon jetzt sehr intensiv von den Schulen nachgefragt. Aber auch im Abendspielplan ziehen die kleinen Produktionen das Publikum zunehmend regelmäßig ins Alte Theater. Das war, soweit ich weiß, nicht immer so.
Wie widmet sich das Anhaltische Theater dem bevorstehenden Bauhausjubiläum?
Johannes Weigand: Noch in diesem Jahr sind wir natürlich im Dezember zum Geburtstag des Dessauer Bauhausgebäudes dort zu Gast. „Staging the Bauhaus“ ist schon traditionell und präsentiert diesmal die „Europera 5“ von John Cage, für die dieser Raum und dieser Ort sehr passend sind. Ich bin sehr gespannt darauf, weil unsere Opernsängerin, die die „Sugar“ gesungen hat, gemeinsam mit Ulf Paulsen die gesamte europäische Operngeschichte – in einen großen Topf geworfen, umgerührt und nach dem Zufallsprinzip wieder neu zusammengesetzt – auf die Bühne bringen wird. Das wird also ein spannendes und superinteressantes Stück. Wir werden versuchen, den Auslosungsprozess, der dafür stattfindet, auch irgendwie sichtbar zu machen. Das ist aber auch schon alles, was daran „Inszenierung“ ist. Denn das ganze Stück ist von Cage sehr genau vorgegeben. Wenn man also etwas anders machen würde, wäre es nicht mehr das Stück.
Ende Juni gibt es mit „Nabucco“ vor dem Mausoleum im Dessauer Tierpark eine besondere Open-Air-Premiere. Was hat es damit auf sich?
Johannes Weigand: Wir haben ja seit vielen Jahren immer im Mai eine konzertante Reihe im Haus. Das waren ganz wunderbare Aufführungen, aber die Reihe kränkelt trotzdem ein bisschen. Die Leute zieht es im „Wonnemonat“ eben weniger in einen geschlossenen Konzertsaal. Andererseits können wir solche Produktionen schon aufgrund des aufwändigen Probebetriebs nur im Frühjahr in den Spielplan bringen. Also haben wir uns überlegt, ob wir die Reihe nicht nach Draußen holen können. So betrachtet ist die Wetterlage dafür ja zunehmend gut. (lacht) Daher wollen wir mit „Nabucco“ einen großen Publikumshit vor der Kulisse des Mausoleums zeigen, das dafür ein wunderbarer Ort ist. Es wird also ein Versuch sein, auch wenn die Nachfrage schon jetzt so groß ist, dass wir drei Mal spielen müssen bzw. können. Wir hoffen, dass es richtig populär und schön wird. Es soll dabei ein wenig Picknick-Atmosphäre entstehen, aber selbstverständlich wird es auch Stühle geben. Ich glaube, auch das wird toll.


