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Rainald Grebe – LEO Glücksmoment
Rainald Grebe – "Das Elfenbeinkonzert" © Joachim Dette

"Es geht um das Leben und das Erzählen"

Veröffentlicht am Mittwoch, 28. Februar 2018

Der Liedermacher, Kabarettist und Regisseur Rainald Grebe wurde einem großen Publikum vor mehr als zehn Jahren mit seiner ironischen Landeshymne „Brandenburg“ bekannt. Auch anderen ostdeutschen Bundesländern hat der Wahl-Berliner inzwischen Lieder gewidmet, die gezielt mit Vorurteilen, Klischees und auch so manch wenig schmeichelhafter Tatsache spielen. Aber die Länderlieder sind natürlich nur ein kleiner Teil des Schaffens des Multitalents. Grebe widmet sich in seinen Programmen aktuellen Themen und menschlichen Verhaltensweisen, mit Hang zum Absurden, mit dem Mut zu tragischen und nachdenklichen Momenten, mal provokativ und chaotisch, mal mit leisen Tönen und feiner Ironie. Am 28. März ist er mit „Das Elfenbeinkonzert“ im Anhaltischen Theater Dessau zu Gast. Im LEO-Gespräch gibt es ihn schon jetzt.

Was steckt hinter dem ungewöhnlichen Programmtitel „Das Elfenbeinkonzert“?

Rainald Grebe: Es ist jetzt schon zwei Jahre her, da war ich im Januar 2016 für zwei Wochen vom Goethe-Institut an der Elfenbeinküste gebucht. Das war der Aufhänger für den Abend. Bevor ich dahin fuhr, hatte ich mir vorgenommen, das zum Anlass zu nehmen – und das ist es dann auch geworden.
Ich habe dort einen Workshop geleitet zum Thema Volksmusik. Das waren zwei knackige Wochen. Ich habe ein Liederbuch vorgestellt, mit Liebesliedern, Schlafliedern, Fußballliedern, quer durch die Bank. Davon habe ich immer eines angebracht und anschließend haben die Ivorer eines vorgeschlagen. Das ging immer hin und her. Dann gab es auch noch eine öffentliche Vorführung, das war richtig geil. Da kamen viele Leute, haben geklatscht und wussten gar nicht, was sie da erwartet. Das war ja nicht diese hehre Kultur, die man sonst so präsentiert bekommt, also schöne, deutsche Lieder wie „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten“. Wir haben auch getanzt, Walzer gegen afrikanische Tänze – da habe ich mich auch schön zum Löffel gemacht. Das war ungefähr das Projekt.

Hat ivorische Musik auch Einfluss auf das Programm genommen?

Rainald Grebe: Eher weniger. Ich erzähle eher über die Tatsache, dass ich da auch ein Konzert gegeben habe. Oder darüber, wie man sich dort Deutschland vorstellt.
Ich habe sicherlich auch Lieder geschrieben, die Rhythmen oder Hip-Hop aufgreifen, die man in Afrika auch oft gehört hat. Aber ich singe an dem Abend keine afrikanischen Lieder oder so. Das nicht.

Mit „Brandenburg“ haben Sie vor über einem Jahrzehnt einen besonderen Nerv getroffen und sind sehr bekannt geworden. Wann wurde Ihnen das bewusst?

Rainald Grebe: Ehrlich gesagt ist daran die Bildzeitung schuld. Die hat damals groß und breit auf der Titelseite gefragt „Was hat dieser Mann gegen Brandenburg?“. Dann wurde das Ganze irgendwie so publik gemacht, ich bekam Hassmails und so weiter. Das Lied ist natürlich schön konkret, regional, es spricht die Dinge an, es ist ja auch kein schlechtes Lied. Irgendwie ist es da ein bisschen in die Medienmaschinerie gekommen.

Neben Brandenburg vertonten Sie bereits Thüringen oder Sachsen. Sie haben auch Sachsen-Anhalt besungen und im Text ziemlich viele – wenn auch selten schmeichelhafte und gelegentlich etwas übertriebene – Tatsachen verarbeitet. Allesamt ostdeutsche Bundesländer. Geben die alten inhaltlich weniger her – mal von Ihrer alten Heimatstadt Frechen abgesehen?

Rainald Grebe: Ich habe mir auch mal vorgestellt, dass ich über alle Länder was mache. (lacht) Aber ich finde das ganz in Ordnung so und ich wohne da ja auch nicht mehr. Ich kenne es nicht mehr wirklich. Wenn ich mal auf Tour bin, komme ich da vorbei. Aber die Ostländer sind eigentlich eher meine Heimat. Ich kann ein bisschen mehr darüber sagen, wie es da so ist. Nordrhein-Westfalen...da komme ich zwar her, aber das ist so sehr Vergangenheit, da war ich in den 80er Jahren….und das ist länger her. Ich habe auch dazu Lieder geschrieben, aber da geht es dann eher um Erinnerungen, Kindheit und ähnliches. Aber über die Länder selbst nicht. Das sollen Andere machen.

Gibt es da auch Mentalitätsunterschiede? Sie sind ja auch überzeugter Ostberliner…

Rainald Grebe: Ja, auf jeden Fall. Das jetzt ins Konkrete zu fassen, dauert allerdings länger. (lacht) Ich sehe Westberlin so ein bisschen als Ausland. Ich bin da selten und man merkt die Unterschiede sofort. Auch wenn der Prenzlauer Berg jetzt auch nicht mehr wirklich „ostig“ ist, sondern sehr saniert und sehr fein, aber eben seit 25 Jahren aus alter Tradition auch meine Heimat. Und ich will da auch nicht mehr weg. Ich kann es mir zumindest nicht vorstellen. Ich bin wohl so ein bisschen eingemeindet.

Wie entstehen Ihre Lieder? Kommt die Inspiration aus dem Alltag heraus oder suchen Sie gezielt nach Themen?

Rainald Grebe: Das ist ganz unterschiedlich. Ich sperre ja manchmal so ein bisschen die Augen auf. Und wenn ich weiß, da gibt es eine Premiere, dann noch mehr. Ich schreib mir immer mal was auf. Manchmal sind es Sachen, die in der Zeitung stehen. Manchmal bin ich krank geworden oder jemand ist gestorben. Das ist ganz unterschiedlich. Manchmal ist es auch ein Fussel auf dem Hemd. Alles kann ein Anlass für Lieder sein. Ich gucke da natürlich schon, dass es irgendwie immer eine Zeile ist, die man nachlutschen kann oder die in der jetzigen Zeit etwas sagt. Ich schreibe ja andauernd irgendwelche Sachen und da kann es ganz merkwürdig sein. Aber die Entstehung kann man nicht übers Knie brechen. Die Schleuse geht auf, dann kommt von irgendwoher eine Zeile rein.

Sie widmen sich mit gern mal absurdem Humor sowohl sehr persönlichen als auch gesellschafts- und sozialkritischen Themen. Warum ist es Ihnen wichtig, Ihr Publikum zwischen den Lachkrämpfen auch zum Nachdenken anzuregen?

Rainald Grebe: Ich spiele ja immer ziemlich lang, so um die drei Stunden, und da passiert natürlich sehr viel. Von den sehr schrillen Momenten, wo es wirklich auf die Nuss gibt, zu den ganz traurigen Sachen oder melancholischen. Dafür ist so ein Abend auch da, finde ich, um einiges zu erleben. Vielleicht sogar ein bisschen zu viel. (lacht) Man geht da auch durch gewisse Durststrecken durch. Ich haben noch nicht gesehen, dass die Zuschauer in Massen gehen würden, aber es ist vielleicht eine Art Überdauer und man erlebt halt was. Auf das Lachen möchte ich auch gar nicht reduziert werden. Es ist ein Teil, den ich nach wie vor sehr mag, aber es geht um das Leben und das Erzählen. Höhen und Tiefen, alles Mögliche – das muss so ein Abend schon hergeben.

Es ist doch aber wahrscheinlich noch nicht passiert, dass das Publikum Ihnen nach einer Veranstaltung gesagt hat, dass es ruhig hätte kürzer sein können, oder?

Rainald Grebe: Nee, das nicht. Ich habe mit Hagen Rether ja auch einen Kollegen, der noch länger macht. Wir duellieren uns da immer ein bisschen. Anderthalb Stunden oder was die anderen so machen... da fühle ich mich immer noch so ein bisschen nackt, ich möchte immer noch länger. Mein Atem geht zu lang, sagen wir es einmal so. Es ist ein ganz natürlicher Atem und das dauert dann eben bis um 11 – mindestens. Bis dann so ein bisschen der Alkohol fließt und dann kommt noch das Nachtprogramm und dann ist es zu Ende. Erschöpfend, für beide Seiten..

An der Schaubühne Berlin haben Sie im Januar „Fontane.200“ inszeniert und sind auch ansonsten immer wieder als Regisseur tätig. Brauchen Sie die Arbeit hinter den Kulissen auch als Ausgleich zu Ihren musikalischen Programmen, bei denen Sie immer im Mittelpunkt stehen?

Rainald Grebe: Ich mache das einfach auch gern. Die Arbeit mit Schauspielern, oft auch mit Laien oder Chören. Sich alle halbe Jahre so einen Stoff an Land zu ziehen, lange damit schwanger zu gehen, viel zu recherchieren – ich mag das einfach. Es tut oft auch weh oder ist nicht so einfach, wenn man sich um so viele Leute kümmern muss, es ist sehr anstrengend, aber ich brauche das irgendwie.
Die Arbeit an so einem Stoff, an so einem Abend, das ist eine ganz andere Qualität. Ich will jetzt nicht das Wort Qual…. doch, jetzt habe ich es genannt…. aber bis das so rausgepresst wird oder bis man auf etwas kommt, mit so vielen Leuten…aber wenn es dann eben klappt, dann ist das etwas, das bekommt man alleine nicht hin. Deshalb mache ich das so gern. Und es ist schön, dass ich es auch machen darf. Das ist schon ein Luxus, an solchen Häusern arbeiten zu können.

Sie sind ursprünglich Diplom-Puppenspieler. Zieht es Sie manchmal auch dahin zurück?

Rainald Grebe: Ja. Ich mache nächstes Jahr wieder einmal etwas am Puppentheater in Halle. Aber auch in den anderen Stücken, die ich mache, setze ich Puppenspiel sehr oft als Stilmittel unterschiedlichster Form ein. Es ist ja auch eine Art, die Welt zu sehen.

Am 28. März sind Sie in Dessau zu Gast und senken das Durchschnittsalter der Einwohner von 49,5 Jahren mit Ihrem Auftritt leicht. Welchen Bezug haben Sie, neben der Erwähnung in „Sachsen-Anhalt“, zur Stadt?

Rainald Grebe: Ich habe da schon mal im damaligen Hangar gespielt und da hat mir der Veranstalter das mit dem Altersdurchschnitt auch erzählt und hat auch immer nur von früher geredet. (lacht) Immer „Es war, es war, es war“. Es war mal toll. Es waren mal die Junkerswerke. Es war mal die Metropole am Stadtrand von Berlin. War, war, war. Und diesen Bezug habe ich dann auch dazu. Als Künstler sagt man sich da eben, wenn die Veranstalter sich schämen für ihre eigene Stadt, dann ist da irgendwas faul. Anstatt zu sagen „Ja, es geht“ oder „Es ist toll“. Wenn sie Dir aber Guten Tag sagen, Dir die Hand reichen und sich parallel für die Stadt entschuldigen, ist das komisch. Deshalb ist mir das in Erinnerung geblieben.
Aber abgesehen davon haben wir da gerockt, es waren Leute da und sie haben Spaß gehabt. Das ist bei solchen Touren ja immer das Entscheidende. Die leeren Straßen habe ich gar nicht gemerkt. Wir hatten damals einfach nur eine gute Show.

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