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LEO Tagestipp
Jan Bauer mit einem seiner Schützlinge
Jan Bauer mit einem seiner Schützlinge© Hartmut Bösener

Ein Tierpark – Drei Jubiläen

Veröffentlicht am Freitag, 01. Juni 2018

30-60-120 – Modelmaße sehen anders aus und sind bei den Bewohnern des Dessauer Tierparks nach menschlichen Maßstäben auch eher selten anzutreffen. Die Zahlen allerdings stehen für drei Jubiläen, die in der Querallee in diesem Jahr gefeiert werden können. 1898, vor 120 Jahren, wurde das Mausoleum zu Dessau als Begräbnisstätte der Anhaltischen Herzöge eingeweiht. Heute ist das historische Wahrzeichen der Stadt vom Tierpark umgeben, für den vor 60 Jahren, am 7. März 1958, der Grundstein gelegt wurde. Und vor 30 Jahren wurde erstmals in die Tierparkschule eingeladen, deren Angebot zukünftig noch ausgebaut werden soll.

Elf Hektar umfasst das landschaftsgeschützte Gebiet des Dessauer Tierparks, der Heimat von über 100 Tierarten und mehr als 1.000 Bäumen und Sträuchern aus aller Welt ist. Offiziell mit dem Titel „Lehrpark für Tier- und Pflanzenkunde“ eröffnet, verbinden Generationen von Dessauern prägende Kindheitserinnerungen mit dem Bummel durch die Einrichtung, der auch für heutige Besucher jeden Alters Entdeckungsreise, Parkspaziergang und Tierschau in einem ist.

Geleitet wird der Tierpark seit rund sechs Monaten von Jan Bauer. Der Diplom-Biologe und Tourismusbetriebswirt plant für die Zukunft der Einrichtung natürlich weit über das Jubiläumsjahr hinaus. Im LEO-Gespräch verrät er, wie er den Tierpark bisher erlebt hat und wie Artenschutz, Lehrauftrag und Familienerlebnis Hand in Hand gehen sollen.

Welchen Bezug hatten Sie vor Ihrem Dienstbeginn im Dezember zum Tierpark Dessau?
Jan Bauer: Vor fast exakt zehn Jahren war ich als damaliger Tierinspektor in Gera mit meinen Mitarbeitern auf einem Betriebsausflug in Dessau. Die damalige Leiterin, Christine Kilz, nahm mich recht überraschend zur Seite und fragte mich, ob ich mir vorstellen könne, diesen Park irgendwann einmal von ihr zu übernehmen. Ich wunderte mich, weil wir uns ja kaum kannten. (lacht) Ich war danach regelmäßig in Dessau und sie hat mich per Mail ein wenig auf dem Laufenden gehalten. Als es dann um die Nachfolge ging, habe ich mich zuerst ein wenig geziert. In der ersten Runde hatte ich mich auch gar nicht beworben. Zu diesem Zeitpunkt war ich selbständig – was ich heute noch bin – und das auch sehr erfolgreich. Ich hatte also überhaupt kein Bedürfnis, damit aufzuhören. Dann hat sich aber meine private Situation verändert und die Option wurde interessanter. Außerdem hat mich geärgert, dass das Bewerbungsverfahren sich ohne vernünftiges Ergebnis so hingezogen hat und erneut ausgeschrieben werden musste. Also habe ich, bevor ich zu einer fünfwöchigen Reise nach Russland aufgebrochen bin, meine Bewerbung abgeschickt. Und als ich dann wiederkam, ging es quasi los. (lacht)

Wie haben Sie den Tierpark bisher kennengelernt?
Jan Bauer: Dieser Park ist besonders, weil er sehr gut organisiert und strukturiert war. Oftmals ist es so, dass es uralte Karteileichen gibt, was den Tierbestand angeht. Hier aber sind alle Statistiken in einem wirklich hervorragenden Zustand. Das Team ist extrem engagiert und motiviert. Man merkt auch den starken Veränderungswillen, den ein Führungswechsel natürlich immer mit sich bringt. Die Ideen, die zu den Veränderungen im Park führen und geführt haben, kommen nicht alle von mir, sondern größtenteils von den Mitarbeitern, die sich viele Gedanken machen. Wir überlegen dann gemeinsam, welche Vorschläge wir umsetzen. Insgesamt ist es ein ganz tolles Team, mit dem ich in den nächsten Jahren sicherlich noch viel Spaß haben werde.

Welche Ziele haben Sie sich für Ihre Arbeit gesetzt?
Jan Bauer: Wir haben uns unter anderem vorgenommen, die Haustiere, die wir haben, auszutauschen. Uns geht es da vor allem darum, regionale Rassen darzustellen. Das gelingt uns nicht immer, aber die Harzer Ziege oder das Harzer Höhenvieh gehören hierher. Die Cröllwitzer Pute ist eine Züchtung aus Halle, das Deutsche Karakulschaf, das irgendwann einziehen wird, ebenfalls. Das sind alles alte und bedrohte Nutztierrassen, denen wir eine Chance zur Erhaltung bieten wollen. Wir pflanzen auch neue Bäume, die wir bisher noch nicht hier haben. Unsere Tierparkschule feiert in diesem Jahr ja auch ihr 30-jähriges Jubiläum. Da ist es uns ganz wichtig, dass wir das Lehrangebot weiter ausbauen, unser pädagogisches Profil deutlich schärfen, vielleicht auch noch eine zweite Stelle schaffen. In der Verwaltung wollen wir außerdem Räumlichkeiten für sie einrichten, um wetterunabhängig zu sein. Wir wollen die Leute als Tierpark anziehen, den Lehrpark aber im Untertitel immer beibehalten. Aus der Historie heraus, aber auch, weil wir an uns selbst genau diesen Anspruch stellen. Durch unsere sehr niedrigen Eintrittspreise profitieren wir auch davon, dass der Zoobesuch in Leipzig, Halle oder Magdeburg ein vielfaches kostet. Für auswärtige Besucher kommen natürlich immer noch die Fahrtkosten hinzu. Aber auch da sind wir bemüht, insbesondere für Bahnreisende interessante Kombipakete anzubieten. Denn die Parkplatzsituation ist ja unsere Achillesferse. Abgesehen vom Berliner Zoo gibt es aber keinen Tierpark, der so nah am Bahnhof liegt wie wir.

Ist Ihr doppeltes Fachwissen als Biologe und Touristiker in ihrer jetzigen Funktion von Vorteil?
Jan Bauer: Auf alle Fälle. Wir sind eine touristische Destination mit fast 100.000 Besuchern im Jahr. Da muss man sich mit vielen Fragen der Wirtschaftlichkeit befassen. Es kommen ja auch nicht nur Leute aus Dessau zu uns. Wir machen seit 1. Januar eine sehr umfangreiche Besucherbefragung, um unser Einzugsgebiet genau kennen zu lernen. Wir haben auch seit gefühlten 40 Jahren keine Werbung gemacht. Vorn an der Straße gibt es drei Schilder, die auf uns hinweisen – das war’s. Und zu denen muss man erst einmal finden. Wir haben also enorm viel Luft nach oben. Ich bin ein großer Freund einfacher „Hands on“-Geschichten, ohne viel Quatsch drumherum. Ich mag auch Guerrilla-Marketing-Geschichten. Das hat mein Team schon längst verinnerlicht und ich bin mir sicher, dass wir da viel erreichen können.

Wie geht es mit dem Mausoleum in seinem 120. Jahr weiter?
Jan Bauer: Das Mausoleum ist natürlich fester Bestandteil des Tierparks. In Zusammenarbeit des sehr engagierten Mausoleumsvereins und der Stadt ist dort seit letzten Herbst die Jugendbauhütte aktiv und es ist schon viel passiert. Der Eingangsbereich ist wieder sehr nah am historischen Zustand. Wir arbeiten da auch sehr eng mit dem Denkmalschutz zusammen und suchen gemeinsam nach Kompromissen. Denn auch das Tierparkgelände ist natürlich zum Teil historisches Gebiet, das nach 60 Jahren Tierpark nicht mehr einfach zurückgebaut werden kann und soll. Ende Mai wird rund um den Brunnen Rollrasen ausgelegt, dann soll der Brunnen fertiggestellt werden und dann widmen wir uns der Treppe. Die große Wiese rund um den Brunnen soll durch den sehr strapazierfähigen Rasen besser für Veranstaltungen nutzbar werden. Im Juni 2019 zeigen wir zusammen mit dem Anhaltischen Theater dort die Oper „Nabucco“. Veranstaltungen sind ein wichtiger Teil unserer Einrichtung. Und dieses Profil wollen wir noch weiter ausbauen.

Wie wichtig sind Kooperationen und das Beschreiten neuer Wege für die Zukunft des Tierparkes?
Jan Bauer: Netzwerkarbeit ist heutzutage das A und O. Der Tierpark ist Mitglied der Deutschen Tierparkgesellschaft, deren Geschäftsführer ich gleichzeitig bin. Dessau sitzt also am nächsten an allen Informationen. Wir arbeiten sehr eng mit dem VdZ, dem Verband der Zoologischen Gärten, zusammen, der in Berlin sitzt. Wir wollen uns auch anderen Verbänden nicht verschließen, seien es die lokal-regionalen Touristiker oder überregionale fachliche Einrichtungen. Auch die Zusammenarbeit mit den lokalen Partnern muss stärker werden, mit städtischen und nicht-städtischen Akteuren. Und man muss vielleicht auch überlegen, ob die jetzige Trägerform des Tierparks ihm auf lange Sicht gut tut. In den letzten 60 Jahren lief es stabil, aber es war auch nie so, dass die Einrichtung große Sprünge machen konnte. Als Freizeiteinrichtung muss man sich heutzutage ein bisschen anders definieren.

Was wünschen Sie sich für die Entwicklung des Tierparks für die nähere und ferne Zukunft?
Jan Bauer: Wir wollen uns von Altlasten befreien und auch den Tieren neue Horizonte geben. Wir haben angefangen, alte Gitter abzutragen, deren Zweck niemand nachvollziehen konnte. Weitere werden folgen. Unsere Waschbären haben einen Baum bekommen, den sie als Gipfelstürmer erkunden können – was auch für die Tierpfleger ein neues Erlebnis war. Als nächste sind die Nasenbären dran. Wir wollen einfach versuchen, alles was wir haben auch zu nutzen und den Tieren zur Verfügung zu stellen. Eine Vision ist, dass wir uns perspektivisch um ein altes Bahngelände erweitern, das für den Tierpark existenziell wichtig werden könnte. Wir sind ja um-zingelt vom Gartenreich und haben keine Möglichkeit, uns räumlich zu vergrößern. Aber wir können im Bestand schieben. Wir haben zum Beispiel zwei Wirtschaftshöfe, die ich gern vereinen und in diesem Bahngelände konzentrieren möchte. Wenn man den Eingang in diese Richtung verlagern könnte, hätte man hier nicht mehr den großen Verkehr. Das Gartenreich würde wieder autofrei – woran auch der Denkmalschutz großes Interesse hat – und wir ziehen noch ein Stück näher an den Hauptbahnhof. Vielleicht ließe sich dann auch das Parkplatzproblem lösen. Auf jeden Fall aber würden sich noch einmal ganz andere Synergien und Möglichkeiten ergeben, die wir momentan nicht haben.

In sehr greifbarer Zukunft wird am 17. Juni aber erst einmal der 60. Geburtstag des Tierparks gefeiert. Was ist geplant?
Jan Bauer: Von 10 bis 17 Uhr ist ein sehr umfangreiches Bühnenprogramm geplant, unter anderem mit dem SAW-Showtruck. Wir haben „Charlys Rappelkiste“ zu Gast, es wird eine riesige Carrerabahn geben und auch viele weitere Akteure haben sich angesagt, vom Leopoldsverein bis zu den Dessauer Nahverkehrsfreunden. Der ganze Park wird an diesem Tag an allen Ecken ordentlich Programm für alle Besucher bereithalten. Übrigens dank Unterstützung der Firma IDT Biologika und des Wohnungsvereins Dessau bei freiem Eintritt für alle Kinder und Jugendlichen unter 16 Jahren.

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