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Im Januar 1982 nahm Dr. Andreas Neubert seine Arbeit am damaligen Institut für Impfstoffe Dessau auf. Von Anfang an waren Viren und Virusimpfstoffe sein Fachgebiet. Bei der heutigen IDT Biologika GmbH ist er Chief Scientific Officer, also Leiter der Forschung und Entwicklung.
Im Januar 1982 nahm Dr. Andreas Neubert seine Arbeit am damaligen Institut für Impfstoffe Dessau auf. Von Anfang an waren Viren und Virusimpfstoffe sein Fachgebiet. Bei der heutigen IDT Biologika GmbH ist er Chief Scientific Officer, also Leiter der Forschung und Entwicklung.© Hartmut Bösener

"Wir werden damit fertig!"

Veröffentlicht am Montag, 30. Mrz 2020

Das Coronavirus SARS-CoV-2 bestimmt in diesen Wochen über unseren Alltag. Die Stimmen derer, die die Pandemie als harmloser als eine durchschnittliche Grippe einstufen, sind zwar leiser geworden, aber nicht verstummt. Sogar manch seriöser Wissenschaftler hält die nun angeordneten Vorsichtsmaßnahmen für deutlich übertrieben – und für möglicherweise gefährlicher für Wirtschaft und Gesellschaft als es die Krankheit COVID-19 für die Gesundheit ist. Andere beschwören den baldigen Weltuntergang oder mindestens Millionen von Toten. Wer sich in die Tiefen des Internets begibt – und viele Menschen haben jetzt ja die Zeit – stößt auf die abstrusesten Theorien und gefährliche Tipps zur Selbsttherapie.
Mit der IDT Biologika in Dessau-Tornau verfügt unsere Region über einen der „Global Player“ der internationalen Biotechnologiebranche. Die Entwicklung und Produktion von Impfstoffen verbindet fast 100-jährige Tradition mit modernsten Methoden und umfangreichster Expertise. An der weltweiten Suche nach einem Corona-Impfstoff ist das Unternehmen daher fast schon selbstverständlich intensiv beteiligt. Dr. Andreas Neubert, Leiter der Forschung und Entwicklung bei der IDT Biologika mit fast 40-jähriger Berufserfahrung, sprach mit LEO über die Gefahren des Virus, über die Suche nach einem Impfstoff und über die tatsächliche Bedeutung der aktuellen Schutzmaßnahmen. Und darüber, warum Mitmenschlichkeit und Optimismus gerade jetzt genauso wichtig sind wie Hygiene und Abstandsregeln.

Was macht das Coronavirus SARS-CoV-2 so gefährlich, von dem noch vor wenigen Wochen viele behaupteten – und teils noch heute behaupten – es sei harmloser als die jährliche Grippewelle?

Dr. Andreas Neubert: Diese Frage wird derzeit sehr häufig gestellt. Sicher möchte man sich innerlich mit der Antwort beruhigen, dass SARS-CoV-2 ja doch nicht anders ist als Grippe, die man ja glaubt, zu kennen. Wenn man heute weiß, dass vielleicht 81 % der COVID-19- Infektionen relativ leicht sind und etwa 19 % einen schweren Verlauf haben, zeigt das schon, dass diese neue Infektionskrankheit schwerer verläuft als Grippe. Außerdem hat fast jeder schon einmal mit Grippeviren Kontakt gehabt. Durch die Veränderungen der Oberflächenproteine von Grippeviren kann man sich immer wieder anstecken; es gibt aber Kreuzimmunitäten gegen Virusvarianten, die das immunologische Gedächtnis erkennt und die Immunantwort beschleunigt. Bei dem Ausbruch der "Schweinegrippe" vor zehn Jahren war das so. Hier waren jüngere Altersgruppen schwerer betroffen, und die Untersuchungen der Seren in weiten Teilen der Erde zeigten, dass Ältere wahrscheinlich schon einmal mit einem ähnlichen Grippevirus Kontakt hatten. Vorbelastungen durch Begleiterkrankungen spielten damals für die Schwere des Verlaufs keine so große Rolle. Bei der jährlich auftretenden saisonalen Grippe ist das anders. Der wesentliche Unterschied aber ist, dass man sich gegen die saisonale Grippe impfen lassen kann. Leider lassen sich viel zu wenige Menschen impfen; trotzdem bilden die Geimpften dann einen Schutz gegen die schnelle Verbreitung des Grippevirus auch für ungeschützte Personen. Das hemmt die Verbreitung und senkt die Rate schwerer Erkrankungen. Außerdem gibt es einige zugelassene antivirale Wirkstoffe gegen den Grippeerreger, die besonders bei frühen Infektionsstadien für Risikopatienten eingesetzt werden können.
Bei COVID-19 ist das alles anders. Der Erreger ist nicht eng mit den bereits bekannten menschlichen Coronaviren verwandt. Jeder ist empfänglich!
Es gibt keine spezifischen immunologischen Schutzmechanismen aus der Vergangenheit, es gibt noch keine Impfstoffe, und es gibt leider auch keine sicheren Wirkstoffe gegen das sich im Körper vermehrende Virus. Leider hat das SARS-CoV-2 auch ein paar besonders hässliche Eigenschaften, die es von der Grippe unterscheiden. Grippe- und auch Coronaviren sind in der Umwelt nicht besonders widerstandsfähig. Austrocknung, Tageslicht und höhere Temperaturen führen zur Abtötung innerhalb kurzer Zeit. Der wesentliche Unterschied zwischen beiden Viren ist die Zeitdauer des Aufenthalts im menschlichen Organismus. Grippeinfektionen führen nach einer Infektion schon nach etwa zwei Tagen zu Symptomen und sind nach etwa 14 Tagen überwunden. Personen, die das Virus ausscheiden, sind in der Regel richtig krank und bleiben im Bett. Die klinischen Symptome einer COVID-19-Erkrankung können nach der Infektion erst nach etwa einer Woche auftreten und zuerst einer leichten Erkältung ähneln, bevor dann in etwa zehn Tagen eine schwere Erkrankung entstehen kann. Erkrankte scheiden viele Viren aus, die andere direkt infizieren können. Auch können Sonnenlicht und warmes Wetter der Verbreitung des Coronavirus nicht so viel anhaben wie dem Grippevirus.
Am meisten interessiert aber auch die Frage, wie viele Todesfälle das Virus hervorrufen kann. Ist COVID-19 wirklich so viel schlimmer als Grippe? Die weltweit bisher bekannten Daten zeigen schon, dass die Coronavirus-Infektion im Vergleich mit saisonaler Grippe mit etwa 10-mal höheren Sterberaten in Verbindung gebracht wird. Wir wissen heute, dass vor allem Ältere und Männer stärker als Frauen betroffen sind. Wir wissen auch, dass es Risiken aus Vorerkrankungen gibt, die den Schweregrad erhöhen. Es sollte aber auch bedacht werden, dass diese Risikoerkrankungen zu einem großen Teil Erkrankungsbilder unserer heutigen Zivilisation und auch Jüngere davon betroffen sind. Es ist wichtig, zu verstehen, dass die Ausbreitung des SARS-CoV-2-Coronavirus in der ganzen Gesellschaft gebremst werden muss. Etwa 19 % aller Infektionen sind krankenhauspflichtige, schwere Erkrankungsverläufe, was bei der denkbaren Anzahl infizierter Personen wesentlich problematischer ist als bei einer Grippe.

Warum sind Viren überhaupt so viel aggressiver als Bakterien? Oder scheint das nur so, weil wir heute Antibiotika haben?

Dr. Andreas Neubert: Viren und Bakterien gehören zu unserem natürlichen Umfeld und haben sich in Jahrtausenden an Menschen, Tiere und Pflanzen angepasst. Unter normalen Bedingungen parasitieren sie auf dem Wirt, können den Wirtsorganismus sogar stärken und gegen krankmachende Keime schützen. Leider gibt es aber eben auch Keime, die Krankheiten hervorrufen. Das ist besonders schlimm, wenn dieser Erreger erstmalig auf einen neuen Wirt überspringt. Das passiert auch derzeit noch, wenn das Ebolavirus in Afrika von Fledermäusen oder Flughunden direkt oder über Zwischenwirte auf Menschen übertragen und dann von Mensch zu Mensch weitergegeben wird. Aber auch das SARS-CoV-2-Coronavirus ist wahrscheinlich von Fledermäusen über noch unbekannte Tierarten auf den Menschen übertragen worden. Heute sind solche vom Tier auf den Menschen übertragbare Infektionskrankheiten häufiger geworden, da dieser immer stärker in die Natur eindringt und somit die Möglichkeit von Kontakten erhöht.
Für Bakterien trifft das auch zu. Die Möglichkeit, bakterielle Infektionen mit Antibiotika zu behandeln, und das Vorhandensein wirksamer, guter Impfstoffe hat die Angst vor bakteriellen Erkrankungen genommen. Dabei gibt es aber immer wieder neu entdeckte bakterielle Infektionen, die nicht schnell übertragen werden und deshalb auch nicht so präsent sind. Trotzdem sollte nicht vergessen werden, dass eine uralte bakterielle Infektion, die Tuberkulose, gegenwärtig noch die meisten Menschenleben fordert und zunehmend Stämme des Erregers unempfindlich gegen Antibiotika werden.
Was Viren potentiell "aggressiver" gegenüber Bakterien macht, ist die leichtere Übertragbarkeit über Tröpfchen, besonders, wenn die Übertragung über die Luft oder auch indirekt über Oberflächen möglich ist. Weiterhin ist für das Entstehen einer Erkrankung auch die dafür benötigte Anzahl von Keimen, die ein Organismus aufnehmen muss, entscheidend. Es gibt bakterielle und virale Infektionskrankheiten, bei denen nur wenige Keime reichen, um die Infektion auszulösen. Andere Erkrankungen werden erst durch entsprechend hohe Dosen ausgelöst. Für das Coronavirus ist das nicht bekannt. Vieles spricht dafür, dass die gefährliche Infektionsdosis aber sehr klein ist. Letztlich ergeben sich aus den dargestellten Faktoren Aussagen über die Rate der Folgeinfektionen, die ein infizierter Patient auslösen kann. Für COVID-19 wird angenommen, dass etwa zwei bis drei Personen direkt angesteckt werden können. Bei Masern, einer anderen gefährlichen Virusinfektion vor allem für Kinder, können bis zu zehn Personen von einem Infiziertem angesteckt werden. Insofern ist die Coronavirus-Infektion nicht die ansteckendste. Aber es sollte nicht vergessen werden, dass die hohe Virusausscheidung vor allem in der frühen Erkrankungsphase bei entsprechend intensiven Kontakten vielleicht viel mehr Personen anstecken kann. Heftige Après-Ski-Partys in Tirol haben gereicht, die Infektion mit hunderten Fällen in viele skandinavische Länder und auch Deutschland zu exportieren.

In den Medien ist öfter von einer "Durchseuchung" die Rede. Was hat es damit auf sich?

Dr. Andreas Neubert: In der Tiermedizin ist der Begriff der Durchseuchung von Tierbeständen gut bekannt. Für viele Infektionskrankheiten gab es früher keine Impfstoffe, und man hat sogar gezielt diese Bestände mit einem Erreger durchseucht, um zu erreichen, dass ein Teil der Tiere die Infektion übersteht, um infolge dessen immun gegen eine weitere Infektion zu werden. Dabei traten, natürlich in Abhängigkeit von der Sterblichkeit, erhebliche Verluste auf. Danach war die Infektion meist erst einmal überwunden. Diese Herdenimmunität bedeutet, dass der überwiegende Teil der Herde geschützt ist und der andere Teil der Herde nicht infiziert wird, weil sich der Erreger nicht weiterverbreiten kann. Wenn diese Herde isoliert bleibt, der Erreger verschwindet, keine neuen, ungeschützten Tiere dazu kommen und die Immunität lange genug andauert, kann man damit eine Infektionskrankheit eindämmen.
In der menschlichen Population würde das ähnlich funktionieren. Natürlich sollen alle erkrankten Personen behandelt und geheilt werden, aber wenn genugIndividuen nach einer stattgefundenen Infektion einen Schutz aufgebaut haben, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass der Erreger sich weiterverbreiten kann, und wenn das Virus keinen Wirt mehr findet "stirbt es aus". Wissenschaftliche Berechnungen haben ergeben, dass etwa 60 % der Bevölkerung geschützt sein müssten, um die Infektion zurück zu drängen. Das Schwierige dabei ist aber, dass Menschen eben nicht in isolierten Beständen leben und unsere heutige Vernetzung immer wieder die Verbreitung anstoßen kann. Vielleicht sind aber dann zwischenzeitlich Impfstoffe oder Heilbehandlungen verfügbar, die die Coronavirus-Infektionen beherrschbar machen.

Wie muss man sich als Laie die Entwicklung eines Virus-Impfstoffes vorstellen?

Dr. Andreas Neubert: Impfstoffe gegen virale Infektionen können über verschiedene Verfahren hergestellt werden. Was alle Impfstoffe aber gemein haben, ist die Eigenschaft, gegen einen bestimmten Erreger im Körper einen Schutz, also eine Immunität, zu erzeugen. Virale Erreger brauchen zur Vermehrung im menschlichen Organismus bestimmte Zellen und entfachen dann bei der Vermehrung die Symptome der Erkrankung. Es ist also wichtig, bei einer Infektionskrankheit zuerst die Vorgänge im Körper genau zu verstehen. Das schließt natürlich die Mechanismen ein, die zu einer Immunität führen. Aus der genauen Kenntnis des Erregers – Wie ist er aufgebaut? Welche Bestandteile des Virus verbinden sich mit welchen Zellen in welchen Organen? Wie dringt das Virus in die Zellen ein? Wie vermehrt es sich? Wie wird das Virus aus der Zelle ausgeschleust? Wie werden die nächsten Zellen infiziert? – ergeben sich Erkenntnisse für die Impfstoffentwicklung. Jeder Krankheitskeim besitzt eigene Mechanismen, wie er die natürlichen Schutzmechanismen des Organismus überwinden oder zumindest einschränken kann. Jede Körperzelle hat beispielsweise Mechanismen, die Alarm schlagen, wenn fremdes Erbgut in die Zelle eingeschleust wird. Jeder Organismus besitzt unspezifische Schutzmechanismen, die einen Infektionserreger aufspüren und unschädlich machen sollen. Dann setzen über weiße Blutkörperchen, die Lymphozyten, Immunreaktionen ein, die den Erreger aufhalten und vernichten sollen. Wenn man nun versteht, welche Eiweißbestandteile des Virus eine günstige Immunreaktion hervorrufen und welche diese hemmen, kann man beginnen, einen Impfstoff zu designen. Ob der Impfstoff aus abgeschwächten Viren, Eiweißbestandteilen, aus anderen Trägerviren oder Nukleinsäure-Abschnitten, die die gewünschten Eiweiße enthalten, besteht, hängt von den Ergebnissen der Entwicklung und den Möglichkeiten ab. Der Herstellungsprozess und alle erforderlichen Prüfungen werden dann intensiv entwickelt und optimiert. Da die Herstellung in er Regel durch biotechnologische Prozesse erfolgt, biologische Systeme aber sehr variabel sein können, muss abgesichert werden, dass die Herstellung immer zu reproduzierbarer Qualität führt.
Natürlich muss der Impfstoff gründlich auf Wirksamkeit und Sicherheit getestet werden, bevor er am Menschen geprüft werden kann. Das geht leider nicht ohne die Prüfung in einem Tiermodell. Trotzdem sind heute viele Impfstoffplattformen bekannt, die keine umfangreichen Prüfungen im Tiermodell mehr benötigen – geraden der Impfstoffentwicklung ist der Tierschutz ein entscheidendes Kriterium geworden.
Bevor ein vielversprechender Impfstoffkandidat an Probanden getestet werden kann, wird das Projekt von Wissenschaftlern der zuständigen Bundesoberbehörde, des Paul-Ehrlich-Instituts in Langen, geprüft und freigegeben. Die klinische Prüfung erfolgt an dafür zugelassenen Prüfeinrichtungen unter enger ärztlicher Kontrolle und mit einer sehr akribisch überwachenden Qualitätssicherung. Die Prüfung selbst erfolgt in mehreren Stufen. In der Phase 1 wird an wenigen Probanden vor allem die Sicherheit des Impfstoffes für Menschen untersucht. In der Phase 2 wird die Wirksamkeit, d.h. die immunologische Reaktion, untersucht, und in der Phase 3 wird an einer sehr großen Anzahl von Probanden (bis zu 60.000) die Sicherheit und Wirksamkeit abschließend getestet. Wenn keine unerwarteten Nebenwirkungen und eine Bestätigung der Wirksamkeit vorliegen, kann der Impfstoff zur Zulassung eingereicht werden. Bei all diesen Untersuchungen wird auch die mögliche Dauer der Immunität sowie die Reaktion der Probanden auf Wiederholungsimpfungen geprüft.

Warum sprechen die Experten in optimistischen Einschätzungen von Monaten oder über einem Jahr, bis ein wirksamer Impfstoff vorliegt – geht das nicht schneller?

Dr. Andreas Neubert: Die im vorigen Absatz dargestellte Impfstoffentwicklung demonstriert, wie umfangreich und langwierig dieser Prozess ist. Unter normalen Umständen kann die Entwicklung eines neuen Impfstoffes mehr als zehn Jahre dauern. In Notfällen, wie dem Schutz gegen COVID-19-Erkrankungen, wird versucht, diese Zeiträume durch intensive internationale Zusammenarbeit und den Informationsaustausch zu beschleunigen. Die Besonderheit von Impfstoffen ist, dass eine Impfung bei jedem einzelnen Menschen das individuelle Immunsystem ankurbelt und immunologische Reaktionen hervorruft, die lebenslang anhalten können. Mit Impfstoffen sollen gesunde Personen vor Infektionskrankheiten geschützt werden. Leichte Impfreaktionen sind ein natürlicher Prozess, aber schwere Nebenwirkungen oder gar eine Verstärkung der Infektion durch den Impfstoff wären völlig inakzeptabel.
Wie ein Impfstoff gegen COVID-19 wirklich aussehen muss, wissen wir noch nicht. Es ist zwar bekannt, dass gegen andere humane Coronaviren eine Impfung prinzipiell möglich ist, aber es ist nicht bekannt, ob es ausreicht, Antikörper gegen die Rezeptoren der Virushülle zu generieren oder ob auch eine zelluläre Immunität ausgelöst werden muss. Es sind weltweit viele Impfstoffkonzepte in Vorbereitung und einzelne bereits in der klinischen Prüfung. Doch auch für diese Prüfungen gilt, sehr sorgfältig vorzugehen und einen sicheren, wirksamen Impfstoff zu entwickeln. Die internationale Zusammenarbeit und der sehr schnelle Austausch an Informationen wird helfen, schneller zu sein. An den hohen Anforderungen für Impfstoffe wird ganz sicher nicht gerüttelt werden.

Wenn man bedenkt, dass an einem AIDS-Impfstoff schon seit Jahrzehnten gearbeitet wird, stellt sich andererseits die Frage, warum Sie sicher sind, dass es hier schnellere Lösungen geben wird?

Dr. Andreas Neubert: Als die ersten AIDS-Erkrankungen bekannt wurden, glaubten viele, dass es möglich sein würde, schnell einen Impfstoff zu entwickeln. Dann stellte sich heraus, dass das Virus gezielt Immunzellen befällt und manche Impfstoffe diese Immunzellen angeregt haben, was die Infektion angekurbelt hat. Außerdem verändern sich die Eiweißrezeptoren auf der Oberfläche des Virus und erschweren den Angriff durch Antikörper. Inzwischen weiß man sehr viel über diese Infektion und hat Hemmstoffe entwickelt, die die Vermehrung des AIDS-Virus stoppen können. AIDS ist keine tödliche Krankheit mehr, erfordert aber eine lebenslange Therapie. Das SARS-CoV-2-Virus ist, soweit bekannt, weniger komplex. Trotzdem sind bereits einige Mechanismen bekannt, wie das Virus das menschliche Immunsystems hemmt und schwere Entzündungsreaktionen in der Lunge hervorruft. Warum allerdings manche Patienten schwer erkranken und andere nicht, ist nicht bekannt. Dieses Wissen wäre aber auch für das optimale Design eines Impfstoffes wertvoll.
Ich bin optimistisch, dass es für COVID-19 eine schnellere Lösung gibt, da wir heute auch viel bessere Technologien für wissenschaftliche Untersuchungen und Impfstoffe zur Verfügung haben und diese international breit eingesetzt werden. Ob aber unser Wissen reicht, die Biologie des Coronavirus auszutricksen, weiß ich nicht.

In ihrer fast 100-jährigen Geschichte hat die IDT einen riesigen Erfahrungsschatz zur Virenbekämpfung angesammelt, von der Ausrottung der Tollwut in Europa bis zum Einsatz von IDT-Medikamenten bei nahezu jeder Gesundheitskrise weltweit. Wie können und werden Sie diese Erfahrung in der aktuellen Situation einbringen?

Dr. Andreas Neubert: Die IDT Biologika GmbH hat fast 100 Jahre Impfstoffe und Arzneimittel für die Tiermedizin und die Humanmedizin entwickelt. Mit unserem Tollwutimpfstoff haben wir maßgeblich zur Ausrottung der Fuchstollwut in Mitteleuropa beigetragen. Die in der IDT entwickelte Technologie für die Herstellung von Ebola-Impfstoff hat zu dem ersten zugelassenen Impfstoff gegen diese Krankheit geführt. Leider haben wir uns im letzten Jahr von der Tierimpfstoffsparte getrennt. Das hat jedoch zur Stärkung der Entwicklung neuer Humanimpfstoffe und Immuntherapeutika in Zusammenarbeit mit unseren weltweiten Kunden geführt. Das Unternehmen ist heute technologisch und wissenschaftlich so aufgestellt, dass wir unseren Kunden Hilfe anbieten können, neue Impfstoffe erfolgreich zu entwickeln und zu produzieren.
Vor zwei Jahren habe wir die Entwicklung eines von der CEPI, einer Organisation zu Förderung von Entwicklungen von Notfallimpfstoffen, finanzierten Programmes zur Entwicklung eines MERS-Coronavirus-Impfstoffes begonnen. Der Impfstoff wird in einem Konsortium aus IDT Biologika, dem Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF), dem Medizinischen Zentrum der Erasmus Universität Rotterdam und dem klinischen Forschungsinstitut CR2O entwickelt. Die Forschungseinrichtung DZIF umfasst die klinischen und medizinischen Standorte des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf und des Klinischen Prüfzentrums Nord die Philipps-Universität Marburg sowie das Institut für Infektionsmedizin und Zoonosen der Ludwig-Maximilians-Universität München. Das MERSCoronavirus ist dem SARS-2-Coronavirus ziemlich ähnlich. Wir sind damit ganz gut aufgestellt, unseren Beitrag für eine Impfstoffentwicklung zu leisten.

Viren haben es an sich, dass sie mutieren können. Es ist erst wenige Jahre her, dass eine Grippeschutzimpfung nahezu wirkungslos blieb, weil ein anderer Virenstamm grassierte. Wie groß ist die Gefahr, dass ein neu entwickelter Impfstoff bei einer möglichen neuen Corona-Welle nicht die gewünschte Wirkung hat? Und wie hoch schätzen Sie überhaupt die Gefahr weiterer Wellen ein, wenn die jetzige Pandemie unter Kontrolle gebracht ist?

Dr. Andreas Neubert: Nach den vorliegenden Untersuchungen verändert sich das SARS-2-Coronavirus bisher kaum. Das Virus hat sich offensichtlich gut an die Vermehrung im Menschen angepasst. Bei jeder Vermehrung des Erbgutes in Zellen kann es Ablesefehler der genetischen Information geben. Das ist ein natürlicher Prozess, der unterschiedlich stark auftritt. Solche Veränderungen können ein Virus anpassen an die Bedingungen der Wirtszelle oder des Immunsystems. Das Ergebnis kann auch ein Erreger sein, der sich weniger heftig vermehrt, da dieser sich dann leichter verbreitet, aber weniger schwere Verläufe hervorruft. In der Natur zirkulieren viele Viren nach diesem Prinzip und haben sich mit dem Wirt arrangiert. Das ist aber hypothetisch. Noch wissen wir das nicht. Auch die Gefahr weiterer Wellen kann man nicht beantworten. Wenn eine gute Immunität ausgebildet wird, vielleicht auch durch Impfstoffe, sinkt das Risiko weiterer Wellen erheblich – bis dahin heißt es, Kontakte zu reduzieren!

Als Wissenschaftler haben Sie seit Jahrzehnten nahezu täglich mit Viren zu tun, auch mit solchen, die nicht unbedingt ungefährlicher sind als Corona. Betrachten Sie die aktuelle Krise daher mit anderen Augen, als es der "Normalbürger" tut? Mischt sich in die Sorge auch die wissenschaftliche Neugier?

Dr. Andreas Neubert: Natürlich ist jede neue Infektionskrankheit eine Herausforderung. Es ist spannend, zu verstehen, wie die Infektion abläuft, wie das Virus sich auf molekularer Ebene vermehrt und wie das Immunsystem damit fertig wird. Ja, mich treibt auch Neugier an, aber in viel größerem Maße die Sorge, was die Erkrankung für viele Menschen, Freunde und die Familie bedeutet. Ich möchte als Entwickler von Impfstoffen, mit meinem Team und unserem Unternehmen einen Beitrag dazu leisten, diese Situation zu entschärfen. Dafür arbeiten wir mit anderen Teams zusammen. Die Herausforderung ist so groß, dass es wirklich auf gute und schnelle Zusammenarbeit ankommt.

Hände gründlich und häufig waschen, nicht ins Gesicht fassen und soziale Kontakte meiden – diese drei Tipps sind derzeit omnipräsent. Ist das auch aus Ihrer Sicht alles, was jeder Einzelne im Moment tun kann, um sich und andere zu schützen?

Dr. Andreas Neubert: Ja, das sind die wichtigsten Ratschläge. Nicht vergessen sollten wir aber auch Offenheit und Verantwortung füreinander. Jeder kann durch Zufälle mit dem Virus in Kontakt kommen. Heutzutage sollte man sofort Abstand halten, wenn man eine fiebrige Erkältung bekommt. Oft ist es glücklicherweise kein Coronavirus – auch dann ist es nett, sein Umfeld nicht anzustecken. Wenn man erfährt, mit einem nachgewiesenen COVID-19-Fall im engen Kontakt gewesen zu sein, sollte man sich vorsorglich zurückziehen und seine Familie und seine Arbeitsstelle informieren. Das Gesundheitsamt wird solche Kontakte nachverfolgen, aber nicht immer ist es sicher, dass man sich an alle Kontakte erinnert. Jedenfalls sollte man sich bei einem Kontakt und nach fünf bis sieben Tagen auftretenden Erkältungssymptomen beim Gesundheitsamt melden.
Völlig unverantwortlich ist, jetzt gerade Partys zu feiern, vielleicht, weil man denkt, nicht zur Risikogruppe zu gehören. Einer der ersten Ärzte, der über die Infektion berichtet hatte, Li Wenliang, ist mit 34 Jahren an der Infektion gestorben.
Auch Panik ist fehl am Platz. Wir müssen die Regeln, die das Virus uns auferlegt, erst einmal akzeptieren: Abstand halten, neue Wege der Kommunikation suchen, Humor und Optimismus nicht verlieren.

Wir werden damit fertig!

Das LEO-Gespräch ist vom 24. März 2020

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